Wenn der Winter keine Pause mehr ist

Verstopfte Nase, tränende Augen, Kratzen im Hals – mitten im Januar. Viele schieben es auf einen Infekt oder die trockene Heizungsluft. Dabei ist die Wahrheit für Millionen Deutsche eine andere: Die Pollensaison hat längst begonnen. Hasel und Erle, die ersten Frühblüher des Jahres, schicken ihre Allergene schon seit Wochen durch die Luft. Und während draußen noch Schnee liegt, kämpfen drinnen die Atemwege mit einer doppelten Belastung. Es ist ein schleichender Prozess, den viele erst bemerken, wenn die Symptome nicht mehr verschwinden. Wenn das Taschentuch zum ständigen Begleiter wird. Wenn nachts die Nase so verstopft ist, dass man durch den Mund atmen muss.
Was früher im März begann, startet heute oft schon im Dezember. Die Pollensaison verschiebt sich nach vorne – und mit ihr eine Realität, die für Allergiker immer belastender wird. Experten für Atemwegserkrankungen schätzen die Pollensaison mittlerweile auf Januar bis Oktober. Fast das ganze Jahr. Denn zu den Pollen von draußen kommt ein Problem von drinnen: schlechte Raumluft. Trockene Heizungsluft, aufgewirbelter Hausstaub, fehlende Luftfeuchtigkeit. Zwei Welten, die sich gegenseitig verstärken. Und Atemwege, die keine Erholung finden.
Dieser Artikel zeigt, was gerade passiert – draußen und drinnen. Warum Pollen im Januar keine Ausnahme mehr sind, sondern die neue Normalität. Welche Rolle Kreuzallergien spielen, von denen viele Betroffene nichts wissen. Und warum die Luft in unseren Wohnungen über Symptome entscheidet, die wir oft gar nicht einordnen können. Es geht um Zusammenhänge, die unsichtbar sind – aber spürbar werden, sobald man sie versteht.
Die stillen Vorboten des Frühlings – Wenn Hasel und Erle im Wintermantel blühen

Der Deutsche Wetterdienst meldet es seit Mitte Januar 2026: mittelstarker Pollenflug, vor allem im Westen Deutschlands. Erste Haselnusssträucher blühten bereits am 10. Dezember 2025. Zum Jahreswechsel flogen Haselpollen durch halb Nordrhein-Westfalen. Was absurd klingt, ist längst Normalität geworden.
Experten des Deutschen Wetterdienstes bestätigen: Die Pollensaison hat sich in den letzten 30 Jahren statistisch um 16 Tage nach vorne verschoben. Was früher Ende Februar begann, startet heute oft schon Anfang Januar. Der Grund ist der Klimawandel. Mildere Winter bringen die Pflanzen früher in ihren Entwicklungszyklus. Die Hasel, deren gelbe Kätzchen bereits bei wenigen Plusgraden ihre Pollen freigeben, führt die Liste an.
Diese Pollen sind winzig, leicht und können über hunderte Kilometer durch die Luft getragen werden. Wer morgens mit verstopfter Nase aufwacht und denkt, es sei die trockene Heizungsluft, reagiert möglicherweise bereits auf die ersten Haselpollen des Jahres. Hinzu kommt: Hasel, Erle und später Birke gehören zur gleichen botanischen Familie. Ihre Allergene ähneln sich so stark, dass eine Allergie gegen einen dieser Bäume fast immer auch eine Reaktion auf die anderen bedeutet. Für Allergiker heißt das: Die Saison dauert von Januar bis Mai. Ohne Verschnaufpause.
Die doppelte Belastung – Wenn Pollen auf Hausstaub treffen

Rund 70 Prozent aller Baumpollen-Allergiker entwickeln zusätzlich Kreuzallergien – auf Lebensmittel, aber auch auf andere Indoor-Allergene. Das Immunsystem verwechselt ähnliche Eiweißstrukturen. Ein Apfel kann plötzlich zum Problem werden. Eine Haselnuss zur Bedrohung. Und Hausstaub, der das ganze Jahr über in der Wohnung schwebt, zur ständigen Reizquelle.
Besonders im Winter entsteht eine fatale Kombination: Draußen fliegen die ersten Pollen. Drinnen wirbelt die Heizungsluft Allergene auf. Und die Schleimhäute, ohnehin durch trockene Luft gereizt, sind schutzlos ausgeliefert. Trockene Raumluft hat im Januar oft Werte von nur 20 bis 30 Prozent relativer Luftfeuchtigkeit – weit unter den empfohlenen 40 bis 60 Prozent. Die Folge: Die Schleimhäute trocknen aus, ihre Schutzfunktion versagt, Allergene können tiefer eindringen.
Dazu kommt: Trockene Luft lässt Staubpartikel länger schweben. Hausstaubmilben selbst mögen keine trockene Luft, aber ihr Kot – das eigentliche Allergen – wird bei niedriger Luftfeuchtigkeit nicht gebunden, sondern aufgewirbelt. Allergiker atmen einen unsichtbaren Cocktail aus Pollen, Hausstaub und anderen Partikeln ein. Ein Teufelskreis, der sich jeden Morgen wiederholt.
Wenn der Apfel plötzlich zum Feind wird – Kreuzallergien, die niemand erklärt
Ein Kribbeln im Mund nach dem ersten Apfelbiss. Geschwollene Lippen nach einer Handvoll Haselnüsse. Jucken im Rachen beim Karottensaft. Was viele nicht wissen: Das sind klassische Kreuzallergien. Das Bet v 1-Protein aus Birkenpollen ähnelt strukturell dem Protein in vielen Lebensmitteln so stark, dass das Immunsystem keinen Unterschied mehr macht. Mediziner sprechen vom Birkenpollen-Nuss-Kernobst-Syndrom – der häufigsten Kreuzallergie überhaupt.
Rund 60 Prozent der Nahrungsmittelallergien bei Erwachsenen sind solche Kreuzallergien – besonders häufig bei Frühblüher-Allergikern. Die betroffenen Lebensmittel:
- Nüsse: Haselnüsse, Walnüsse, Mandeln
- Kernobst: Äpfel, Birnen, Quitten
- Steinobst: Kirschen, Pfirsiche, Pflaumen, Aprikosen
- Gemüse: Karotten, Sellerie, Petersilie
- Soja: Sojadrink, Tofu, Sojamehl
Für viele beginnt es harmlos. Ein Kribbeln. Ein leichtes Jucken. Die Symptome beschränken sich meist auf den Mundbereich – das sogenannte orale Allergiesyndrom. Doch besonders Soja und Haselnüsse können heftige Reaktionen auslösen – bis hin zu Atemnot und allergischem Schock, vor allem wenn große Mengen aufgenommen werden. Diätprodukte mit hohem Sojaanteil sind für Birkenpollenallergiker besonders riskant.
Das Gemeine: Diese Allergien entwickeln sich oft schleichend. Jahrelang verträgt man Äpfel problemlos. Dann, nach einem besonders starken Pollenjahr, reagiert der Körper plötzlich auch auf verwandte Strukturen. Hinzu kommt: Die Reaktionsstärke hängt von vielen Faktoren ab. Während der Pollensaison sind Kreuzreaktionen oft ausgeprägter. Auch körperliche Anstrengung direkt nach dem Essen kann Symptome verstärken. Und nicht jede Apfelsorte löst gleich starke Reaktionen aus – alte Sorten sind oft verträglicher als Neuzüchtungen.
Die unsichtbare Last in den eigenen vier Wänden – Warum Raumluft zum Verstärker wird

Ein Hygrometer zeigt die Wahrheit: In vielen Schlafzimmern herrschen im Januar Werte von 22 bis 28 Prozent Luftfeuchtigkeit. Die Empfehlung liegt bei 40 bis 60 Prozent. Manche Wohnungen fallen sogar auf Werte unter 20 Prozent – das entspricht Wüstenklima. Was bedeutet das konkret? Trockene Luft reizt die Schleimhäute. Die Flimmerhärchen in Nase und Bronchien, die normalerweise Schadstoffe abtransportieren, arbeiten nicht mehr richtig. Die mukoziliäre Clearance – die Selbstreinigung der Atemwege – kommt zum Erliegen. Die Schleimschicht wird dünner. Allergene dringen tiefer ein. Entzündungen entstehen schneller.
Studien zeigen: Bei Luftfeuchtigkeit unter 40 Prozent schweben Allergene deutlich länger in der Luft. Sie sinken nicht zu Boden, sondern bleiben in Atemhöhe. Jeder Schritt, jeder Luftzug verteilt sie neu. Für Allergiker bedeutet das ständige Exposition ohne Erholung. Das Umweltbundesamt warnt: Trockene Luft begünstigt nicht nur die Verbreitung von Allergenen, sondern auch von Viren wie Influenza und SARS-CoV-2. Denn virushaltige Aerosolpartikel schrumpfen durch Wasserverlust, werden leichter und schweben länger.
Hinzu kommen Pollen, die von draußen hereingetragen werden – an Kleidung, Haaren, Schuhen. Sie setzen sich in Teppichen, Polstern und Vorhängen fest. In gut gelüfteten Räumen mit ausreichender Luftfeuchtigkeit werden sie gebunden. In trockenen Räumen bleiben sie aktiv. Wer acht Stunden im Schlafzimmer verbringt, atmet acht Stunden lang trockene Luft voller Allergene. Die Schleimhäute trocknen aus. Das Immunsystem läuft auf Hochtouren. Und beim morgendlichen Stoßlüften kommen die Haselpollen von draußen hinzu.
Einfache Maßnahmen helfen: Wasserschalen auf der Heizung, feuchte Handtücher, gezieltes Stoßlüften statt Dauerkippe, häufigerer Bettwäschewechsel. Ein Hygrometer kostet oft weniger als zehn Euro und zeigt objektiv, wo man steht. Doch gereizte Atemwege brauchen mehr als nur Feuchtigkeit. Sie brauchen Qualität.
Wenn Luft zur Medizin wird – Kleine Schritte, große Wirkung
Salzhaltige Luft, wie sie am Meer vorkommt, hat nachweislich beruhigende Wirkung auf gereizte Schleimhäute. Sie kann Entzündungen lindern, die Selbstreinigung der Atemwege unterstützen und das Immunsystem stärken. Deshalb fahren so viele Allergiker und Asthmatiker zur Kur an die Nordsee. Die feinen Salzpartikel befeuchten die Schleimhäute, lösen festsitzenden Schleim und wirken Entzündungen entgegen. Das Prinzip ist seit Jahrhunderten bekannt – Gradierwerke in Kurorten nutzen es seit dem 19. Jahrhundert.
Doch man muss nicht umziehen, um von salziger Luft zu profitieren. Manche Menschen berichten von spürbarer Linderung durch Salzluftverdunster oder Mini-Gradierwerke für den Wohnbereich. Diese Geräte lassen Salzwasser verdunsten und reichern die Raumluft mit feinen Salzpartikeln an. Nicht als Ersatz für Medikamente, sondern als ergänzende Maßnahme zur Befeuchtung der Atemwege – ein kleines Gradierwerk für zu Hause, geräuscharm, ohne Filterwechsel, mit hohem Salzgehalt und einfacher Anwendung im Alltag. Der Vorteil gegenüber reinem Wasserdampf: Die osmotische Wirkung des Salzes verstärkt die befeuchtende und schleimlösende Wirkung.
Allergien sind komplex. Es gibt nicht die eine Lösung. Aber es gibt viele kleine Bausteine: Luftfeuchtigkeit optimieren, Raumluft reinigen, richtig lüften, Allergene reduzieren, Kreuzallergien meiden. Und vielleicht auch salzhaltige Luft als tägliche Unterstützung. Wer versteht, dass Januar nicht mehr Winter bedeutet – zumindest nicht für Allergiker – kann handeln. Die Natur verändert sich. Die Pollen fliegen früher. Kreuzallergien lauern. Und die Raumluft spielt eine Rolle, die viel zu oft übersehen wird.
Am Ende geht es darum, Räume zu gestalten, in denen Atemwege sich erholen können. Mit kleinen Schritten, die zusammen einen großen Unterschied machen. Denn wir atmen rund 20.000 Mal am Tag – und die Qualität dieser 20.000 Atemzüge entscheidet darüber, wie es uns geht. Im Januar, im März, im ganzen Jahr.
(Bilder: Envato)
Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Bei anhaltenden Beschwerden, Atemnot oder allergischen Reaktionen konsultieren Sie bitte einen Facharzt für Allergologie oder Pneumologie. Kreuzallergien können in seltenen Fällen zu schweren Reaktionen führen und sollten medizinisch abgeklärt werden.