Es ist Januar, draußen klirrt die Kälte, und in der Wohnung von Gertrud M. brummt die Heizung auf Hochtouren. Die 78-Jährige sitzt in ihrem Sessel, eingewickelt in eine Wolldecke, obwohl das Thermometer 24 Grad anzeigt. Ihr Hals kratzt, die Nase ist verstopft, und seit drei Tagen plagt sie ein trockener Husten, der einfach nicht verschwinden will. „Das ist halt der Winter", sagt sie achselzuckend zu ihrer Tochter, die zu Besuch kommt. Doch was Gertrud als schicksalhaft hinnimmt, hat einen Namen und eine Ursache – eine, die man verstehen und beeinflussen kann.
Ältere Menschen leiden im Winter häufiger und intensiver unter Atemwegsproblemen als jüngere. Das liegt nicht allein an einem schwächeren Immunsystem, sondern an einem komplexen Zusammenspiel von physiologischen Veränderungen, Lebensumständen und Umweltfaktoren. Die trockene Heizungsluft, die in deutschen Wohnzimmern oft unter zwanzig Prozent Luftfeuchtigkeit sinkt, spielt dabei eine zentrale Rolle. Für Gertrud und Millionen andere Senioren wird sie zur unsichtbaren Belastung, die Tag für Tag an den Atemwegen nagt.
Dieser Artikel nimmt Sie mit auf eine Spurensuche. Warum verändert sich der Körper im Alter so, dass trockene Luft zum Problem wird? Was passiert in den Schleimhäuten, wenn die Heizung läuft? Und welche Möglichkeiten gibt es, die eigenen vier Wände in einen Ort zu verwandeln, der die Atemwege schützt statt sie zu belasten?
Warum ältere Menschen empfindlicher auf trockene Luft reagieren
Der Körper im Wandel der Jahre

Mit dem Alter verändert sich der menschliche Körper auf vielfältige Weise, und die Atemwege bilden keine Ausnahme. Die Lunge verliert an Elastizität, die Atemmuskulatur wird schwächer, und die Gesamtoberfläche der Lungenbläschen nimmt ab. Diese Veränderungen führen dazu, dass der Gasaustausch weniger effizient funktioniert und die Atmung insgesamt flacher wird.
Besonders bedeutsam ist jedoch, was mit den Schleimhäuten geschieht. Sie sind die erste Verteidigungslinie des Körpers gegen Krankheitserreger, Staub und andere Schadstoffe. Bei jüngeren Menschen sind diese Schleimhäute in der Regel gut durchblutet und produzieren ausreichend Schleim, um eingeatmete Partikel zu binden und durch die Flimmerhärchen nach außen zu transportieren. Im Alter lässt diese Funktion nach. Die Schleimhäute werden dünner, trockener und anfälliger für Reizungen.
Hinzu kommt eine oft unterschätzte Veränderung: die verminderte Thermoregulation. Ältere Menschen frieren schneller, weil ihr Körper weniger effizient Wärme produziert und speichert. Weniger Fettgewebe in der Unterhaut, weniger Muskelmasse und eine langsamere Durchblutung tragen dazu bei. Die Folge ist ein erhöhtes Bedürfnis nach Wärme, das viele Senioren dazu veranlasst, ihre Räume stärker zu heizen als jüngere Menschen. Manche frieren selbst bei über 24 Grad Raumtemperatur noch, während andere längst ins Schwitzen geraten würden. Dieses Heizen aber hat seinen Preis: Je wärmer die Luft, desto trockener wird sie.
Die unsichtbare Gefahr: Luftfeuchtigkeit unter 40 Prozent
Wenn kalte Winterluft von draußen nach drinnen gelangt und erwärmt wird, sinkt ihre relative Luftfeuchtigkeit dramatisch. Luft, die bei null Grad noch eine Feuchtigkeit von fünfzig Prozent hat, erreicht bei Erwärmung auf 22 Grad nur noch etwa zwanzig Prozent. Das ist trockener als in der Sahara.
Für gesunde junge Menschen ist das unangenehm, aber meist verkraftbar. Ihre Schleimhäute kompensieren die Trockenheit, indem sie mehr Feuchtigkeit abgeben. Bei älteren Menschen funktioniert dieser Ausgleichsmechanismus jedoch oft nicht mehr zuverlässig. Die bereits geschwächten Schleimhäute werden zusätzlich beansprucht, trocknen aus und verlieren ihre Schutzfunktion. Die Flimmerhärchen, die normalerweise Schleim und damit auch Krankheitserreger nach außen transportieren, werden in ihrer Beweglichkeit eingeschränkt. Was folgt, ist eine erhöhte Anfälligkeit für Infektionen, chronischen Husten und eine Verschlechterung bestehender Atemwegserkrankungen.
Die besondere Belastung für Menschen mit chronischen Erkrankungen
COPD und Asthma im Winter

Chronisch obstruktive Lungenerkrankungen wie COPD und Asthma betreffen ältere Menschen überproportional häufig. Diese Erkrankungen sind durch eine dauerhafte Verengung der Atemwege gekennzeichnet, die bei Kälte und trockener Luft zusätzlich verschlimmert wird. Die Bronchien reagieren auf Reize wie trockene Heizungsluft mit Verkrampfungen, die das Atmen erschweren und zu Anfällen führen können.
Im Winter berichten viele Betroffene von einer deutlichen Zunahme ihrer Symptome. Die Kombination aus kalter Außenluft und trockener Innenluft stellt eine doppelte Belastung dar. Draußen verengen sich die Bronchien durch die Kälte, drinnen reizen die trockenen Luftpartikel die ohnehin überempfindlichen Schleimhäute. Für Menschen mit COPD kann dieser Kreislauf zu akuten Verschlechterungen führen, die einen Krankenhausaufenthalt erforderlich machen.
Die medizinische Empfehlung ist eindeutig: Eine Luftfeuchtigkeit zwischen vierzig und sechzig Prozent gilt als optimal für Menschen mit Atemwegserkrankungen. In diesem Bereich können die Schleimhäute ihre Funktion erfüllen, ohne auszutrocknen, und gleichzeitig ist das Risiko für Schimmelbildung noch gering. Für viele Senioren bedeutet das, aktiv in ihr Raumklima einzugreifen, statt die Trockenheit als unvermeidlich hinzunehmen.
Das geschwächte Immunsystem
Mit dem Alter verändert sich auch das Immunsystem. Das sogenannte erworbene Immunsystem, das im Laufe des Lebens lernt, gezielt auf bestimmte Erreger zu reagieren, verliert an Effektivität. Die Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Immunzellen wird langsamer und weniger präzise. Neue Erreger werden schwerer erkannt und bekämpft.
Diese Immunschwäche macht ältere Menschen nicht nur anfälliger für Infektionen, sondern führt auch dazu, dass Erkrankungen schwerer verlaufen. Eine einfache Erkältung, die ein junger Mensch in wenigen Tagen übersteht, kann sich bei Senioren über Wochen hinziehen. Aus einer Bronchitis wird leichter eine Lungenentzündung. Und Lungenentzündungen gehören zu den häufigsten Todesursachen bei älteren Menschen.
Die trockene Heizungsluft verstärkt dieses Problem, indem sie die erste Barriere gegen Infektionen – die Schleimhäute – schwächt. Wenn die Schleimhäute austrocknen, verlieren sie ihre Fähigkeit, Erreger effektiv abzuwehren. Viren überleben zudem in trockener Luft länger und können sich leichter verbreiten. Bei einer Luftfeuchtigkeit unter vierzig Prozent bilden virushaltige Aerosolpartikel kleinere Tröpfchen, die länger in der Luft schweben und so das Infektionsrisiko erhöhen.
Leben mit trockener Luft: Der Alltag vieler Senioren
Der Teufelskreis des Heizens

Viele ältere Menschen leben allein oder mit einem ebenfalls älteren Partner. Sie verbringen einen Großteil ihrer Zeit in der Wohnung, insbesondere im Winter, wenn Kälte und Glätte das Verlassen des Hauses erschweren. Diese Situation führt zu einer intensiven und dauerhaften Exposition gegenüber der Raumluft, deren Qualität damit unmittelbar über Wohlbefinden und Gesundheit entscheidet.
Gleichzeitig haben viele Senioren ein erhöhtes Wärmebedürfnis. Sie drehen die Heizung auf, um nicht zu frieren, und schaffen damit ungewollt ein Klima, das ihre Atemwege belastet. Es ist ein Teufelskreis: Je kälter man sich fühlt, desto mehr heizt man, je trockener die Luft wird, desto mehr leiden die Schleimhäute, und je mehr die Schleimhäute leiden, desto anfälliger wird man für Infektionen, die wiederum das Kälteempfinden verstärken.
In Pflegeheimen verschärft sich dieses Problem oft noch. Die Bewohner haben unterschiedliche Bedürfnisse, und das Personal muss einen Mittelweg finden. Der eine friert bei 24 Grad, der andere schwitzt. Lüften ist schwierig, weil Zugluft vermieden werden soll. Die Luftfeuchtigkeit sinkt auf Werte, die eigentlich niemandem guttun, aber selten gemessen werden.
Die unterschätzten Symptome
Das Tückische an trockener Luft ist, dass ihre Auswirkungen schleichend auftreten und selten direkt mit ihrer Ursache in Verbindung gebracht werden. Ein trockener Hals am Morgen wird auf die Erkältungszeit geschoben. Nasenbluten gilt als lästig, aber nicht besorgniserregend. Chronischer Husten wird dem Alter zugeschrieben. Und die erhöhte Infektanfälligkeit erscheint als unvermeidlicher Begleiter des Winters.
Dabei sind all diese Symptome Hinweise darauf, dass etwas mit dem Raumklima nicht stimmt. Der Körper kommuniziert, aber seine Signale werden missverstanden. Ein Hygrometer, das die Luftfeuchtigkeit misst, kostet wenig und kann Aufschluss darüber geben, ob das eigene Zuhause gesundheitsfördernd oder belastend ist. Für viele Senioren wäre diese einfache Messung der erste Schritt zu einer Verbesserung ihrer Lebensqualität.
Wege zu einem gesünderen Raumklima
Lüften und Heizen im Gleichgewicht
Die Empfehlungen von Medizinern und Gesundheitsexperten sind eindeutig: Regelmäßiges Stoßlüften ist auch im Winter unverzichtbar. Drei bis fünf Minuten bei weit geöffneten Fenstern sorgen für einen Luftaustausch, ohne die Räume auszukühlen. Wichtig ist dabei, die Heizung während des Lüftens herunterzudrehen, um Energie zu sparen und einen zu starken Temperaturabfall zu vermeiden.
Die ideale Raumtemperatur für Schlafräume liegt zwischen 16 und 18 Grad, für Wohnräume zwischen 20 und 22 Grad. Höhere Temperaturen sind nicht nur energetisch problematisch, sondern verstärken auch die Austrocknung der Luft. Wer dennoch leicht friert, sollte eher zu warmer Kleidung greifen als zur Heizung. Der sogenannte Zwiebellook, also das Tragen mehrerer Kleidungsschichten, ermöglicht eine flexible Anpassung an wechselnde Temperaturen.
Luftfeuchtigkeit erhöhen: Methoden und ihre Grenzen
Um die Luftfeuchtigkeit in Innenräumen zu erhöhen, gibt es verschiedene Möglichkeiten. Die einfachste ist das Aufstellen von Wasserschalen auf der Heizung. Das verdunstende Wasser reichert die Luft mit Feuchtigkeit an. Ähnlich wirken nasse Handtücher oder Zimmerpflanzen, insbesondere solche, die viel Wasser verdunsten.
Diese Methoden haben jedoch ihre Grenzen. Sie sind schwer zu kontrollieren und können bei unvorsichtiger Anwendung zu einer zu hohen Luftfeuchtigkeit führen, die wiederum Schimmelbildung begünstigt. Ab einer Luftfeuchtigkeit von über sechzig Prozent steigt das Schimmelrisiko deutlich an, und Schimmelpilze können für Menschen mit Atemwegserkrankungen noch problematischer sein als trockene Luft.
Elektrische Luftbefeuchter bieten mehr Kontrolle, erfordern aber regelmäßige Wartung und Reinigung. Bei unsachgemäßer Pflege können sie zu regelrechten Keimschleudern werden und genau die Probleme verursachen, die sie lösen sollten.
Fazit: Den Atemwegen im Alter die Aufmerksamkeit schenken, die sie verdienen

Die Atemwege älterer Menschen sind empfindlicher, anfälliger und belasteter als die jüngerer Generationen. Der Winter mit seiner trockenen Heizungsluft stellt für sie eine besondere Herausforderung dar, die oft unterschätzt wird. Dabei ist das Wissen um die Zusammenhänge vorhanden, und die Möglichkeiten zur Verbesserung sind vielfältig.
Es beginnt mit dem Bewusstsein, dass Raumklima keine Nebensache ist. Eine Luftfeuchtigkeit zwischen vierzig und sechzig Prozent, regelmäßiges Stoßlüften und maßvolles Heizen sind die Grundpfeiler eines atemwegsfreundlichen Zuhauses. Für Menschen mit chronischen Erkrankungen wie COPD oder Asthma sind diese Maßnahmen nicht optional, sondern essenziell.
Manche Menschen nutzen ergänzend Mini-Salinen als Maßnahme zur Befeuchtung der Atemwege. Diese kleinen Gradierwerke für zu Hause reichern die Raumluft mit feinen Salzpartikeln an und können die natürliche Befeuchtung der Schleimhäute unterstützen. Sie ersetzen keine medizinische Therapie, aber sie können als sanfter Begleiter im Alltag dazu beitragen, das Raumklima zu verbessern.
Am Ende geht es um Lebensqualität. Frei atmen zu können, ohne Husten, ohne Kratzen im Hals, ohne das ständige Gefühl, gegen die eigene Umgebung anzukämpfen – das ist keine Selbstverständlichkeit, aber es ist erreichbar. Für Gertrud M. und Millionen andere Senioren könnte ein Hygrometer, ein neues Lüftungsverhalten oder eine bewusstere Gestaltung des Raumklimas den Unterschied machen zwischen einem Winter, der krank macht, und einem, der trotz Kälte Geborgenheit bietet.
(Bilder: Envato)
Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel dient ausschließlich der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Bei bestehenden Atemwegserkrankungen, chronischen Beschwerden oder Unsicherheiten bezüglich Ihrer Gesundheit konsultieren Sie bitte Ihren Arzt oder Ihre Ärztin. Die genannten Maßnahmen zur Verbesserung der Raumluftqualität sind als ergänzende Präventionsmaßnahmen zu verstehen und ersetzen keine medizinische Therapie.