Die Darm-Lungen-Achse: Warum gesunde Atemwege im Darm beginnen

 

Es ist ein Dienstagabend im Januar, und Markus sitzt am Küchentisch. Vor ihm steht ein Glas Kefir, das er skeptisch betrachtet. „Für die Lunge", hatte ihm seine Schwester gesagt, als sie ihm das fermentierte Getränk mitbrachte. Markus leidet seit Jahren an Asthma, nimmt täglich sein Spray – und jetzt soll ausgerechnet ein säuerliches Milchgetränk helfen? Was er nicht weiß: Seine Schwester liegt näher an der Wahrheit, als er denkt. Denn zwischen Darm und Lunge existiert eine Verbindung, die die Medizin erst seit wenigen Jahren wirklich versteht. Eine Achse, die darüber entscheidet, wie gut wir atmen – und wie stark unser Immunsystem uns schützt.

Die Geschichte beginnt nicht in der Lunge. Sie beginnt tief im Inneren unseres Körpers, dort, wo Billionen mikroskopisch kleiner Mitbewohner ein komplexes Ökosystem bilden. Im Darm. Lange Zeit galt dieser als bloßes Verdauungsorgan, als eine Art biologische Kläranlage. Heute wissen Forscher: Der Darm ist weit mehr. Er ist Kommandozentrale, Kraftwerk und Kommunikationszentrale zugleich. Und er steht in ständigem Austausch mit einem Organ, das auf den ersten Blick nichts mit ihm zu tun hat: der Lunge.

Wenn zwei Welten sich berühren – Die Entdeckung einer stillen Partnerschaft

 

Die Erkenntnis kam nicht über Nacht. Über Jahrzehnte beobachteten Ärzte ein merkwürdiges Phänomen: Patienten mit chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen litten überdurchschnittlich häufig an Atemwegsproblemen. Menschen mit Asthma zeigten Veränderungen in ihrer Darmflora. Und nach der Gabe von Antibiotika – die das Darmmikrobiom massiv störten – verschlechterten sich plötzlich auch Lungenerkrankungen.

Was zunächst wie eine Reihe von Zufällen aussah, entpuppte sich als ein fundamentales Prinzip unseres Körpers. Wissenschaftler an der Universität Marburg beschreiben es heute als „Darm-Lungen-Achse" – eine bidirektionale Kommunikationsstraße, über die beide Organe ständig Informationen austauschen. Über das Blut werden Metaboliten, also Stoffwechselprodukte der Darmbakterien, in die Lunge transportiert. Gleichzeitig gelangen Signalstoffe aus der Lunge zurück in den Darm. Ein permanenter Dialog, der über Gesundheit oder Krankheit entscheiden kann.

Das Darmmikrobiom – jene Gemeinschaft aus Bakterien, Viren und Pilzen, die unseren Verdauungstrakt besiedeln – ist dabei weit mehr als ein passiver Begleiter. Es ist ein aktiver Trainingspartner unseres Immunsystems. Von Geburt an schulen diese Mikroorganismen unsere Abwehrzellen darin, zwischen Freund und Feind zu unterscheiden. Sie lehren sie Toleranz gegenüber harmlosen Substanzen – und schärfen gleichzeitig ihre Reaktion auf echte Bedrohungen.

Für die Entstehung des Immunsystems ist das Darmmikrobiom von entscheidender Bedeutung. Eine Veränderung der Zusammensetzung dieses mikrobiellen Ökosystems beeinflusst nicht nur die Immunantwort im Darm selbst, sondern – über die Darm-Lungen-Achse – auch im Lungengewebe. Forscher sprechen von einer „immunologischen Prägung", die bereits in den ersten Lebensjahren stattfindet und unsere spätere Anfälligkeit für Allergien, Asthma oder andere Atemwegserkrankungen mitbestimmt.

Die Architekten der Abwehr – Wie Darmbakterien das Immunsystem formen

 

Tief in unserem Bauch, unmittelbar unter den Zellen der Darmwand, liegt eine der größten Ansammlungen von Immunzellen im gesamten Körper. Man schätzt, dass etwa 80 Prozent aller Abwehrzellen hier zu finden sind – mehr als in Knochenmark, Lymphknoten und Milz zusammen. Der Darm ist nicht nur Verdauungsorgan. Er ist das Hauptquartier unseres Immunsystems.

Und hier, in dieser mikroskopischen Arena, findet täglich ein Training statt, das über unser gesamtes Leben hinweg andauert. Die Darmbakterien produzieren Substanzen, die direkt mit Immunzellen interagieren. Sie senden Signale aus, aktivieren bestimmte Abwehrmechanismen und dämpfen andere. Besonders bedeutsam sind dabei die sogenannten kurzkettigen Fettsäuren – Butyrat, Propionat und Acetat.

Diese Moleküle entstehen, wenn Darmbakterien Ballaststoffe fermentieren. Sie sind winzig, unscheinbar – und doch von enormer Bedeutung. Butyrat etwa dient den Zellen der Darmwand als wichtigste Energiequelle. Es erhält die Darmbarriere intakt, verhindert, dass schädliche Substanzen in den Blutkreislauf gelangen. Doch seine Wirkung geht weit darüber hinaus. Butyrat reguliert Entzündungsprozesse, fördert die Bildung regulatorischer T-Zellen – jener Immunzellen, die überschießende Reaktionen bremsen und Autoimmunprozesse verhindern.

Acetat wiederum unterstützt die Funktion von T-Gedächtniszellen, die bekannte Krankheitserreger wiedererkennen und schnell bekämpfen. Bei Infektionen steigt die Konzentration von Acetat im Gewebe stark an. Und Propionat? Es schützt Nervenzellen, senkt den Cholesterinspiegel und moduliert die Aktivität von Immunzellen in der Lunge. Ja, richtig gelesen: in der Lunge.

Denn diese kurzkettigen Fettsäuren verlassen den Darm. Sie gelangen über die Blutbahn in alle Bereiche des Körpers – auch in die Atemwege. Dort beeinflussen sie die Immunzellen vor Ort, regulieren Entzündungsvorgänge, bestimmen mit, wie heftig die Lunge auf Allergene, Viren oder Schadstoffe reagiert.

Studien zeigen: Menschen mit einer vielfältigen Darmflora, die reichlich kurzkettige Fettsäuren produziert, haben seltener allergisches Asthma. Ihre Atemwege reagieren weniger heftig auf Reizstoffe. Umgekehrt findet man bei Asthmatikern häufig eine gestörte Darmflora – eine sogenannte Dysbiose. Die Vielfalt der Bakterien ist reduziert, bestimmte „gute" Stämme fehlen. Und damit fehlen auch jene Signalstoffe, die das Immunsystem der Lunge im Gleichgewicht halten.

Wenn die Balance kippt – Dysbiose und ihre Folgen für die Atemwege

 

Ein Merkmal einer gesunden Lungenflora ist eine große Vielfalt an verschiedenen Bakterien. Bei chronischen Lungenerkrankungen wie Asthma ist diese Vielfalt deutlich verringert. Doch die Ursache liegt oft nicht in der Lunge selbst – sondern im Darm.

Die Frage, ob die Veränderung des Mikrobioms die Erkrankung auslöst oder umgekehrt, ist noch nicht abschließend geklärt. Was jedoch klar ist: Beide Organe beeinflussen sich gegenseitig. Eine Dysbiose im Darm kann die Immunantwort in der Lunge verändern. Und Infektionen der Atemwege führen nachweislich zu Veränderungen der Bakterienbesiedlung des Darms.

Besonders deutlich wird diese Verbindung in Zeiten akuter Belastung. Während der COVID-19-Pandemie untersuchten Forscher weltweit den Zusammenhang zwischen Darmmikrobiom und Krankheitsverlauf. Das Ergebnis war eindeutig: Patienten mit einem gesunden, vielfältigen Mikrobiom – einer sogenannten Eubiose – zeigten eine kontrollierte, angemessene Immunantwort der Lunge. Die Produktion von Interferonen, die Aktivierung von T-Zellen – all das lief koordiniert ab.

Bei Patienten mit Dysbiose hingegen kam es häufiger zu überschießenden Reaktionen, zum gefürchteten „Zytokinsturm", bei dem das Immunsystem unkontrolliert Entzündungsbotenstoffe ausschüttet und dadurch das eigene Gewebe schädigt. Die gestörte Darmflora konnte ihre regulierende Funktion nicht mehr erfüllen. Die Balance war gekippt.

Auch Antibiotika spielen hier eine kritische Rolle. Zwar retten sie Leben, indem sie bakterielle Infektionen bekämpfen – doch sie unterscheiden nicht zwischen „guten" und „schlechten" Bakterien. Eine Antibiotikagabe kann die Vielfalt des Darmmikrobioms drastisch reduzieren. Und damit schwächt sie indirekt auch die Abwehrkräfte der Lunge. Studien zeigen, dass wiederholte Antibiotikabehandlungen im Kindesalter das Risiko für Asthma deutlich erhöhen. Die immunologische Prägung in den ersten Lebensjahren wird gestört – mit Folgen, die Jahre später spürbar werden.

Die Kraft der Fermentation – Wie Ernährung die Achse stärkt

Doch es gibt auch eine gute Nachricht. Die Darm-Lungen-Achse ist beeinflussbar. Und der Schlüssel dazu liegt auf unserem Teller.

In den letzten Jahren erlebt ein uraltes Verfahren eine Renaissance: die Fermentation. Sauerkraut, Kimchi, Kefir, Kombucha – Lebensmittel, die durch die Arbeit von Milchsäurebakterien entstehen und seit Jahrhunderten zur Ernährung gehören. Was unsere Vorfahren aus praktischen Gründen taten – um Nahrung haltbar zu machen –, entpuppt sich heute als hocheffektive Methode, das Mikrobiom zu stärken.

Fermentierte Lebensmittel liefern lebende Mikroorganismen, sogenannte Probiotika. Diese siedeln sich im Darm an, vermehren sich, verdrängen potenziell schädliche Keime. Eine Studie der Universität Stanford zeigte, dass Menschen, die regelmäßig fermentierte Lebensmittel konsumierten, nach sechs Wochen eine deutlich erhöhte mikrobielle Vielfalt aufwiesen. Entzündungsmarker im Blut sanken messbar. Die Teilnehmer berichteten von besserem Wohlbefinden – und viele auch von einer Linderung chronischer Atemwegsbeschwerden.

Doch nicht nur die lebenden Bakterien selbst sind wertvoll. Der Fermentationsprozess produziert auch jene kurzkettigen Fettsäuren, die so entscheidend für das Immunsystem sind. Essigsäure aus Essig und fermentierten Gemüsen, Milchsäure aus Sauerkraut und Joghurt – sie alle tragen dazu bei, dass der Darm und damit auch die Lunge in Balance bleiben.

Ebenso wichtig sind präbiotische Ballaststoffe. Das sind jene Nahrungsbestandteile, die der Mensch selbst nicht verdauen kann, die aber den „guten" Darmbakterien als Futter dienen. Inulin aus Chicorée und Artischocken, Pektin aus Äpfeln, Beta-Glucan aus Hafer, resistente Stärke aus abgekühlten Kartoffeln – all diese Stoffe fördern das Wachstum von Bakterien, die Butyrat und andere kurzkettige Fettsäuren produzieren.

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt mindestens 30 Gramm Ballaststoffe pro Tag. Doch etwa 70 Prozent der Erwachsenen in Deutschland erreichen dieses Ziel nicht. Kein Wunder, dass Dysbiosen so verbreitet sind. Und kein Wunder, dass Atemwegserkrankungen, Allergien und Autoimmunleiden zunehmen.

Die stille Macht der Raumluft – Wenn äußere Faktoren die innere Balance stören

 

Doch selbst das beste Mikrobiom kann seine Arbeit nicht vollständig leisten, wenn die Atemwege ständig belastet werden. Und hier kommt ein oft übersehener Faktor ins Spiel: die Qualität der Raumluft.

Wir verbringen heute bis zu 90 Prozent unserer Zeit in Innenräumen. Die Luft, die wir dort atmen, ist oft trockener, staubiger, schadstoffbelasteter als gedacht. Im Winter sinkt die Luftfeuchtigkeit in beheizten Räumen häufig unter 30 Prozent – ein Wüstenklima, das unsere Schleimhäute austrocknet. Doch diese Schleimhäute sind die erste Verteidigungslinie gegen eingeatmete Krankheitserreger.

Trockene Schleimhäute können ihre Reinigungsfunktion nicht mehr erfüllen. Die Flimmerhärchen, die normalerweise Schleim und darin gefangene Partikel nach außen transportieren, werden gelähmt. Viren und Bakterien haben leichteres Spiel. Gleichzeitig belastet trockene Luft die Atemwege selbst – sie reizt, entzündet, schwächt die lokale Immunantwort.

Hier schließt sich der Kreis zur Darm-Lungen-Achse. Denn ein gestresster Atemtrakt sendet Entzündungssignale aus – auch in den Darm. Umgekehrt kann ein gesundes Darmmikrobiom die Regeneration der Atemwegsschleimhaut unterstützen, indem es entzündungshemmende Signalstoffe produziert.

Salz spielt dabei eine besondere Rolle. Salzhaltige Luft – wie sie traditionell in Gradierwerken und Salzgrotten genutzt wird – befeuchtet die Atemwege auf natürliche Weise. Die osmotische Wirkung der feinen Salzpartikel bindet Feuchtigkeit, verflüssigt festsitzenden Schleim, unterstützt die mukoziliäre Clearance. Gleichzeitig hat Salz eine milde antibakterielle Wirkung.

Zwischen Tradition und Wissenschaft – Der ganzheitliche Ansatz

Markus hat mittlerweile verstanden. Nach Wochen, in denen er täglich Kefir trank, ballaststoffreiche Mahlzeiten aß und seine Wohnung mit einer Mini-Saline befeuchtete, bemerkte er eine Veränderung. Die nächtlichen Hustenanfälle wurden seltener. Das Engegefühl in der Brust ließ nach. Er brauchte sein Asthmaspray weniger oft.

War es nur der Kefir? Die Ballaststoffe? Die salzhaltige Luft? Oder war es die Summe all dieser Maßnahmen, die sein Immunsystem wieder ins Gleichgewicht brachte? Die Wissenschaft würde sagen: vermutlich Letzteres. Denn Gesundheit ist selten eine Frage einzelner Stellschrauben. Sie ist das Ergebnis vieler kleiner, aber bedeutsamer Entscheidungen.

Die Darm-Lungen-Achse zeigt uns, wie vernetzt unser Körper wirklich ist. Wie ein Organ, das wir mit Essen versorgen, ein anderes beeinflusst, das wir zum Atmen brauchen. Wie Bakterien, die tief in unserem Inneren leben, darüber mitentscheiden, ob wir uns gegen eingeatmete Viren wehren können oder nicht.

Ein Ausblick – Wo Forschung und Alltag sich treffen

Die Wissenschaft steht noch am Anfang. Vieles ist noch nicht vollständig verstanden. Welche Bakterienstämme genau schützen vor Asthma? Wie viel fermentierte Lebensmittel braucht es, um einen messbaren Effekt zu erzielen? Welche Rolle spielt die individuelle genetische Ausstattung? All das sind Fragen, an denen Forscher weltweit arbeiten.

Doch während die Forschung weiterschreitet, können wir bereits heute handeln. Eine ballaststoffreiche Ernährung, der regelmäßige Verzehr fermentierter Lebensmittel, die Vermeidung unnötiger Antibiotikagaben, die Pflege eines gesunden Raumklimas – all das sind Maßnahmen, die nachweislich das Mikrobiom stärken und damit indirekt auch die Atemwege unterstützen.

Manche Menschen nutzen auch kleine Salinen für zu Hause – eine moderne Interpretation der jahrhundertealten Gradierwerke. Solche Geräte reichern die Raumluft mit feinen Salzpartikeln an und können als ergänzende Maßnahme zur Befeuchtung der Atemwege dienen. Sie ersetzen keine medizinische Therapie, können aber – sanft und nebenbei – das Raumklima verbessern.

Die Darm-Lungen-Achse lehrt uns vor allem eines: Gesundheit ist ganzheitlich. Sie beginnt nicht erst bei den Symptomen, sondern tief in unserem Inneren, bei den unsichtbaren Helfern, die uns täglich begleiten. Bei den Billionen Bakterien, die uns trainieren, schützen, mit uns kommunizieren. Wenn wir lernen, auf diese stille Partnerschaft zu achten, gewinnen wir mehr als nur ein starkes Immunsystem. Wir gewinnen ein tieferes Verständnis dafür, was es bedeutet, gesund zu sein.

 

(Bilder: Envato)

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Medizinischer Hinweis:
Dieser Artikel dient ausschließlich der allgemeinen Information und ersetzt keine medizinische Beratung, Diagnose oder Behandlung. Bei gesundheitlichen Beschwerden oder bestehenden Erkrankungen wenden Sie sich bitte an einen Arzt oder qualifizierten Gesundheitsdienstleister.