Wenn Räume atmen – ein neuer Blick auf nachhaltiges Wohnen

Nachhaltiges Wohnen wird meist als Frage der Technik verhandelt: Dämmung, Wärmepumpe, Photovoltaik, Ökostromtarif. Das sind die großen Hebel, und sie sind für Eigentümer entscheidend. Für alle anderen bleibt danach der Eindruck, das Thema sei vor allem eine Frage des Budgets.

Es gibt aber eine zweite Ebene, die weniger mit Anschaffungen zu tun hat als mit Materialwahl, Nutzungsdauer und Gewohnheiten. Dieser Artikel beschreibt sie.

Heller Wohnraum mit Holzmöbeln und großen Fenstern

Warum die Nutzungsdauer die wichtigste Kennzahl ist

Bei Möbeln, Textilien und Geräten entsteht ein erheblicher Teil der Umweltwirkung bei der Herstellung, nicht im Betrieb. Ein Stuhl, der zwanzig Jahre hält, verteilt seinen Herstellungsaufwand auf zwanzig Jahre. Ein Stuhl, der nach dreien bricht, auf drei.

Daraus folgt eine unspektakuläre Rangfolge: Behalten schlägt Reparieren, Reparieren schlägt Gebrauchtkauf, Gebrauchtkauf schlägt Neukauf. Erst wenn all das ausscheidet, wird die Frage nach dem nachhaltigen Neuprodukt überhaupt relevant.

Praktische Kriterien beim Neukauf sind entsprechend banal: Lassen sich Teile einzeln ersetzen? Sind Schrauben statt Klebstoff verbaut? Ist der Bezug abnehmbar und waschbar? Gibt es den Hersteller in zehn Jahren voraussichtlich noch? Diese Fragen sagen mehr über die Lebensdauer aus als jedes Materialversprechen.

Materialien und ihre Emissionen

Holzkommode mit Blumen in einem natürlich eingerichteten Wohnzimmer

Möbel aus Holzwerkstoffen, Lacke, Farben und Bodenbeläge geben nach dem Einbau über längere Zeit flüchtige organische Verbindungen an die Raumluft ab. Das ist der Punkt, an dem sich ökologische und wohnpraktische Kriterien treffen: Emissionsarme Produkte sind in der Herstellung meist die besser kontrollierten und in der Nutzung die unauffälligeren.

Zur Orientierung dienen Siegel mit definierten Prüfkriterien. Der Blaue Engel hat eigene Vergabekriterien für emissionsarme Möbel und Lattenroste aus Holz und Holzwerkstoffen, dazu Kategorien für Wandfarben, Lacke und Bodenbeläge. Für Holzherkunft ist FSC das gängige Kennzeichen, für Textilien der Global Organic Textile Standard.

Zwei Hinweise aus der Praxis. Große Flächen zuerst: Wände, Böden und Decken machen den überwiegenden Teil der Oberfläche eines Raumes aus, dort lohnt sich die Sorgfalt am meisten. Und Vorsicht bei gebrauchten Möbeln aus den 1970er bis 1990er Jahren, weil damals Flammschutz- und Holzschutzmittel zulässig waren, die heute nicht mehr eingesetzt werden dürfen. Das ist die eine Stelle, an der Gebrauchtkauf nicht automatisch die bessere Wahl ist.

Wärme: verstehen statt umbauen

Für Mieter sind die großen baulichen Maßnahmen ohnehin keine Option. Was bleibt, ist der Umgang mit der vorhandenen Substanz, und der ist wirksamer als sein Ruf.

  • Ein Grad weniger Raumtemperatur spart nach gängigen Faustwerten rund sechs Prozent Heizenergie. Das ist der größte Einzelhebel ohne jede Investition.
  • Schwere Vorhänge vor Fenstern reduzieren nachts den Wärmeverlust spürbar, Teppiche auf kalten Böden ebenso.
  • Heizkörper sollten frei stehen. Ein Sofa davor oder ein langer Vorhang darüber leitet die Wärme am Raum vorbei.
  • Selbstklebende Dichtungsbänder an undichten Fenstern und Türen kosten wenig und wirken sofort.
  • Stoßlüften statt Dauerkippen. Ein gekipptes Fenster tauscht kaum Luft aus, kühlt aber die Laibung dauerhaft aus. Fünf bis zehn Minuten bei weit geöffnetem Fenster, mehrmals täglich, tauschen die Luft vollständig, ohne dass die Wände auskühlen.

Zur Raumluft gehört dabei die Feuchte. Das Umweltbundesamt nennt für Wohnräume 40 bis 60 Prozent relative Luftfeuchtigkeit als Orientierung, mit einer Grenze nach beiden Seiten: In der Heizperiode wird es meist trockener, dauerhaft zu hohe Werte begünstigen Kondensation an kalten Außenwänden und damit Schimmel. Ein Hygrometer für wenige Euro zeigt, wo eine Wohnung tatsächlich steht.

Weniger Geräte statt effizientere Geräte

Der Reflex bei Wohnproblemen ist inzwischen ein Kauf: Luftreiniger, Entfeuchter, Duftlampe, Klimagerät. Jedes davon verbraucht Energie, hat einen Herstellungsaufwand und irgendwann ein Entsorgungsproblem.

Die nachhaltigere Reihenfolge beginnt mit der Ursache. Warum ist die Luft stickig? Meist, weil zu selten gelüftet wird. Warum ist es zu warm? Oft, weil die Heizung nicht geregelt wird. Warum steht Feuchtigkeit im Bad? Weil die Tür beim Duschen offen steht. Diese Fragen kosten nichts und erledigen einen Teil der Geräte, bevor sie angeschafft werden.

Wo ein Gerät dann sinnvoll bleibt, gelten dieselben Kriterien wie bei Möbeln: Wie lange hält es, lassen sich Verschleißteile ersetzen, was kostet der Betrieb über die Jahre. Ein günstiges Gerät mit teuren Filtern, die alle drei Monate getauscht werden, ist weder ökologisch noch wirtschaftlich die sparsame Variante.

Was von Minimalismus bleibt, wenn man den Stil abzieht

Ruhig eingerichteter Wohnbereich mit wenigen ausgewählten Objekten

Als Einrichtungsästhetik ist Minimalismus ein Trend wie jeder andere und hat mit Nachhaltigkeit wenig zu tun. Eine leergeräumte Wohnung, die dafür komplett neu ausgestattet wurde, ist ökologisch das Gegenteil dessen, was sie darstellen soll.

Was bleibt, ist die zugrunde liegende Frage: Wird das hier benutzt? Was in Gebrauch ist, verdient seinen Platz und seinen Herstellungsaufwand. Was seit Jahren steht, ohne benutzt zu werden, ist an anderer Stelle besser aufgehoben als im Müll. Verschenken, verkaufen, spenden, das sind die Wege, auf denen die Nutzungsdauer eines Gegenstands weiterläuft, statt bei einem selbst zu enden.

Fazit

Nachhaltiges Wohnen ist zu einem großen Teil eine Frage der Zeitachse. Was lange genutzt wird, ist fast immer besser als das, was gut aussieht, und was nicht angeschafft werden muss, ist besser als das nachhaltigste Neuprodukt.

Für Mieter heißt das konkret: Heiztemperatur, Lüftungsroutine, Dichtungsbänder, Vorhänge, Reparieren statt Ersetzen. Das sind unspektakuläre Maßnahmen, und genau deshalb kommen sie in Ratgebern selten vor. Wirksam sind sie trotzdem.

Bilder: Envato


Dieser Artikel dient ausschließlich der allgemeinen Information.