Die 3 schönsten Gradierwerke in Sachsen-Anhalt – Salzluft zwischen Geschichte und Gegenwart

Sachsen-Anhalt hat drei der bedeutendsten Gradierwerke Deutschlands: Bad Dürrenberg, Bad Kösen und Bad Salzelmen. Alle drei stammen aus dem 18. Jahrhundert, alle drei wurden für die Salzgewinnung gebaut, und alle drei stehen heute unter Denkmalschutz. Dieser Beitrag erklärt, wie diese Anlagen funktionierten, was von ihnen übrig ist und warum ausgerechnet diese Region so viele davon besitzt.

Langes hölzernes Gradierwerk mit Schwarzdornwand in einem Kurpark

Was ein Gradierwerk ist und wie es funktioniert

Ein Gradierwerk ist keine Kuranlage, sondern eine Maschine zur Salzgewinnung. Der Ausgangsstoff ist Sole, also salzhaltiges Grundwasser. Je nach Lagerstätte enthält sie nur wenige Prozent Salz. Um daraus Kochsalz zu sieden, müsste man riesige Mengen Wasser verdampfen, und Brennholz war teuer.

Die Lösung war das Gradieren. Sole wird auf ein hohes Holzgerüst gepumpt und rieselt über dicht gepackte Bündel aus Schwarzdornreisig nach unten. Auf dem Weg vergrößert sich die Oberfläche des Wassers um ein Vielfaches, ein Teil verdunstet an der Luft, und die zurückbleibende Sole wird konzentrierter. In Bad Dürrenberg stieg der Salzgehalt auf diesem Weg von rund 10 auf etwa 22 Prozent. Erst diese angereicherte Sole ging ins Siedehaus.

Schwarzdorn wurde gewählt, weil sein Geflecht die Sole gleichmäßig verteilt und das Holz der Salzbelastung standhält. Ein Nebeneffekt war die Reinigung: Schwerlösliche Salze wie Gips kristallisieren am Reisig aus und bilden mit der Zeit eine steinharte Kruste, das sogenannte Dorngestein. Deshalb muss die Bedornung regelmäßig ausgetauscht werden, in großen Anlagen etwa alle 15 bis 20 Jahre.

Bad Dürrenberg an der Saale

Bad Dürrenberg besitzt das längste zusammenhängende erhaltene Gradierwerk Deutschlands. Von ursprünglich rund 1.830 Metern sind heute mehr als 636 Meter erhalten, das Bauwerk ist zwölf Meter hoch. Von ehemals fünf Gradierwerken stehen noch die Nummern I bis III samt Verbindungsbauten.

Die Anlage geht auf den kurfürstlich-sächsischen Bergrat Johann Gottfried Borlach zurück. 1763 wurde hier eine ergiebige Solequelle erschlossen, im selben Jahr entstand nach seinen Plänen das erste Gradierwerk. Die weiteren folgten 1769/70, 1774 und 1781. Ein Jahr nach der Solequelle, 1764, wurde der Borlachturm gebaut: ein Förderturm, dessen zwanzig auf fünf Ebenen gestaffelte Pumpen die Sole aus 223 Metern Tiefe hoben, angetrieben von einem Wasserrad in der Saale.

1963, zweihundert Jahre nach der Erschließung, endete die Salzproduktion. Was blieb, war das Bauwerk. Das Querstück wurde 2019 abgetragen und neu aufgebaut, verbaut wurden dabei 600 Kubikmeter Fichten- und Lärchenholz und 58.000 Schwarzdornbündel. 2022 wurde die sanierte Anlage offiziell eingeweiht. Sie ist heute Standort der Europäischen Route der Industriekultur und bildet den Rahmen des Kurparks mit Palmen- und Vogelhaus.

Bad Kösen in der Saale-Unstrut-Region

Das Gradierwerk von Bad Kösen, heute ein Ortsteil von Naumburg, ist 320 Meter lang und zwischen 18 und 20 Metern hoch. Errichtet wurde es ab 1779 als Teil der Kösener Saline, 1805 war das Salzwerk vollständig ausgebaut.

Interessanter als das Gradierwerk selbst ist bei Bad Kösen die Fördertechnik davor, und sie ist in dieser Vollständigkeit in Europa einmalig. Der Borlachschacht wurde zwischen 1731 und 1735 unter Leitung desselben Johann Gottfried Borlach auf 175 Meter abgeteuft und erschließt eine Sole mit etwa fünf Prozent Salzgehalt. Ein Wasserrad an der Saale treibt ein hölzernes Doppelfeldgestänge an, das seine Bewegung über 180 Meter bis zum Schacht überträgt. Über dem Schachteingang wandelt ein Kunstkreuz die waagerechte Bewegung in eine senkrechte um und betreibt so die Pumpen. Ein Wasserrad bewegt hier also über eine Strecke von fast zweihundert Metern hinweg eine Pumpe im Boden, rein mechanisch.

1859 wurde die Saline geschlossen. Das Gradierwerk blieb erhalten und wurde für den Kurbetrieb weitergenutzt, der Wandelgang ist während der Saison begehbar.

Bad Salzelmen bei Schönebeck

Bad Salzelmen, seit 1932 ein Stadtteil von Schönebeck an der Elbe, hat die längste Salzgeschichte der drei Orte. Schon im 12. Jahrhundert wurde in Elmen Sole gefördert, und der Reichtum der Salzherren prägte die Stadt über Jahrhunderte.

Zwischen 1756 und 1765 ließ der preußische Staat hier ein Gradierwerk errichten, unterbrochen vom Siebenjährigen Krieg. Es maß zunächst 1.323 Meter und wurde zwischen 1774 und 1777 auf 1.837 Meter verlängert. Damit war es das längste jemals gebaute Gradierwerk. Die Baupläne stammten von Bergoberhauptmann Waitz Freiherr von Eschen und wurden vom Mathematiker Leonhard Euler geprüft. 1776 kam der 32 Meter hohe Soleturm hinzu, der die Förderung über eine holländische Windkunst betrieb. Die Königlich Preußische Saline war zu dieser Zeit der größte Staatsbetrieb Preußens.

Erhalten sind heute rund 300 Meter. 1802 eröffnete in Bad Salzelmen auf Betreiben des Arztes Johann Wilhelm Tolberg das erste Solebad Deutschlands, womit der Ort seine zweite Geschichte als Kurort begann.

Nahaufnahme der Schwarzdornbündel eines Gradierwerks, an denen Sole herabrieselt

Warum ausgerechnet Sachsen-Anhalt

Drei Anlagen dieser Größe in einem Bundesland sind kein Zufall. Unter Mitteldeutschland liegen mächtige Salzlagerstätten aus dem Zechstein, einem Meer, das vor rund 250 Millionen Jahren verdunstete. Wo Grundwasser diese Schichten durchläuft, tritt Sole zutage.

Dazu kam die Wirtschaftsgeschichte. Salz war bis ins 19. Jahrhundert ein staatlich kontrolliertes Gut, und sowohl Kursachsen als auch Preußen investierten erhebliche Summen in die Erschließung. Die Namen an den drei Standorten überschneiden sich deshalb: Borlach plante in Bad Kösen und in Bad Dürrenberg, Preußen baute in Salzelmen. Was heute als Kurpark erscheint, war im 18. Jahrhundert Schwerindustrie.

Verdunstung als Prinzip

Das physikalische Prinzip hinter allen drei Anlagen ist dasselbe und braucht weder Hitze noch Druck: Wasser geht bei Umgebungstemperatur in die Luft über, wenn die Oberfläche groß genug und die Luft nicht gesättigt ist. Wie dieser Vorgang im Detail funktioniert und wie er sich technisch nutzen lässt, beschreiben wir in Wie funktioniert Kaltverdunstung und Gradierwerk für zuhause.

Fazit

Bad Dürrenberg, Bad Kösen und Bad Salzelmen erzählen dieselbe Geschichte in drei Varianten: eine Solequelle, ein Holzgerüst, ein Siedehaus, und irgendwann das Ende der Salzproduktion. Was blieb, sind drei technische Denkmale, die man abschreiten kann. Bad Dürrenberg ist das längste, Bad Kösen hat die eindrucksvollste erhaltene Fördertechnik, Bad Salzelmen die älteste Geschichte. Alle drei liegen keine Autostunde auseinander und lassen sich gut an einem Wochenende verbinden.

Bildquellen: Adobe Stock


Dieser Artikel dient ausschließlich der allgemeinen Information.